FACHZAHNARZT FÜR KIEFERORTHOPÄDIE

FACHZAHNARZT FÜR KIEFERORTHOPÄDIE

Aligner vs. Brackets

Ich knüpfe an an den Post vom 10.6.2021: 
In der irreführenden Werbung werden die Aligner (Foto!) mit Marketing-Schlagwörtern als modern, unsichtbar, herausnehmbar, neu oder angenehm bezeichnet.
Der sich selbst informierende Patient (der Laie) ist sofort überzeugt von einer angeblich modernen “fancy” Methode, dabei unterliegt er aber einer massiven Täuschung (Werbung täuscht fast immer…): es ist zunächst ein weit verbreiteter Irrglaube, daß herausnehmbare Apparaturen “angenehmer” sind. Der Laie denkt: besser als (festsitzende) Brackets! Auch falsch! Wenn Sie sich einer Aligner-Therapie unterziehen, übersehen Sie, daß Sie zwei Schienen (oben und unten) gleichzeitig tragen, also auf den Kauflächen der Zähne, d.h. zwischen oberen und unteren Zähnen haben Sie zwei Mal die Schichtdicke der Schienen, das ist nicht nur höchst unangenehm, sondern dadurch wird mittelfristig die Koordination von Kaumuskulatur und Kiefergelenken gestört, was zu unterschiedlichen Beschwerden führen kann: Muskelschmerzen, Druckgefühl in den Kiefergelenken oder Ohrgeräusche sowie Spannungskopfschmerz. Darüberhinaus werden die Zähne durch die überschwellige Krafteinwirkung in das Knochenfach hineingedrückt und es ergibt sich oft eine vertikale Non-Okklusion oder anders formuliert: die Statik des Gebisses gerät schleichend aus der Balance und die Kiefergelenke werden komprimiert. Sie bekommen erhebliche, neu geschaffene Probleme: Schlagwörter sind CMD oder TMD, Sie können ja mal “googeln”, wenn sie mutig sind.
Außerdem sind herausnehmbare Apparaturen grundsätzlich wegen ihres größeren Apparatur-Volumens subjektiv unangenehmer in der Mundhöhle zu tragen, auch weil die Zunge und das Sprechen gestört wird. Und wenn Sie die herausnehmbaren Geräte zu oft herausnehmen, haben sie nicht nur keine Wirkung (das dürfte klar sein), sondern sie lösen ein (für den Knochen) ungesundes Jiggling an den Zähnen und Zahnwurzeln aus.
All diese Probleme haben sie nicht bei der klassischen Therapie mit (festsitzenden) Brackets; paradoxerweise wollen einige Erwachsene aber gerade diese biomechanisch beste, angenehmste und schnellste Methode (die klassischen Brackets) auf Grundlage unzutreffender Annahmen “vermeiden”. Eine dieser falschen Annahmen ist auch, daß die Brackets unschön, weil sichtbar seien; die Brackets sind aber real 99% des Tages gar nicht sichtbar, weil von den Lippen abgedeckt ! Außerdem könnten Sie ja auch zahnfarbene, weiße Brackets im (selten) sichtbaren Bereich wählen und so “ihr Problem” lösen.
Hinzu kommt, daß die meisten Befunde rein biomechanisch mit den Alignern gar nicht zu therapieren sind, sie kommen gar nicht ans Ziel. Es gibt nur sehr wenige Anfangsbefunde, die mit Alignern überhaupt ohne Nachteile und biomechanisch korrekt machbar sind. Das sind dann meist Fälle, die fast gar keine Kieferorthopädie bräuchten; und die werden dann besonders kostspielig (der kommerzielle Hersteller der Schienen (die irreführend werbende Firma xy) will ja sofort zu Anfang bezahlt werden), wenn man in Relation dazu den geringen Mehrwert betrachtet.

Was will ich damit sagen?
Aligner sind sehr differenziert und kritisch zu bewerten. Viele Patienten machen im Vorfeld einer Behandlung einen Fehler, indem sie sich die gewünschte Apparatur “aussuchen” oder irgendetwas “vermeiden” wollen. Die unbequeme Wahrheit lautet: das geht nicht; denn ein bestimmter Befund braucht ein geeignetes Therapiemittel und erst recht keines, das die Probleme verschärfen kann.
Beim Hausarzt sucht sich ja auch kein Patient die Tabletten nach der Farbe aus, oder?

aligner brackets dr Ulrich Endres